Mit Schirrmacher ins Keta-Loch
Ich habe mich nach einigen Tagen Dauerbombardement jetzt darauf eingelassen, das Blog von Airen zu lesen. Aufgrund der zahlreichen Überschneidungen erschien es mir ökonomisch, die Lektüre von Helene Hegemanns “Axolotl Roadkill” zunächst hintanzustellen. Und mit “zunächst” meine ich “für immer”. Desweiteren gibt es ja noch Unmengen anderer Quellen zum Thema, die mir in den letzten Jahren untergekommen sind. Dabei ist mir einiges aufgefallen.
Das mögliche Spektrum an Erfahrungen, das man in Berliner Clubs unter Drogeneinfluss kennenlernen kann, ist wahnsinnig begrenzt. Um genau zu sein: Die Erfahrungen aller handelnden Personen sind absolut identisch. Ob man jetzt wie Airen mit Transvestiten Geschlechtsverkehr ausübt oder nicht ist wie der Unterschied zwischen Autounfällen mit und ohne Airbrush-Motiv auf der Motorhaube. Es ist egal.
Der Rest lässt sich grob zusammenfassen: Euphorische Erfahrungen durch euphorieinduzierende Substanzen. Gespräche mit wildfremden Menschen in der Nähe von Toiletten, an die sich später niemand mehr erinnern kann oder will. Körperliche Grenzerfahrungen, die daraus resultieren, dass man zu viele Drogen nimmt, weil man nicht nach Hause gehen möchte. Sexuelle Handlungen, deren Spielraum dank der Drogen massgeblich ausgeweitet ist. Entfremdungserfahrungen im ÖPNV. Unangenehme Gefühle, wenn die Drogen dann nachlassen. Sehr unangenehme Gefühle am Montag im Büro. Da capo.
Es ist einerseits vollständig unproblematisch, wenn Menschen weiterhin Blogs mit diesen immergleichen Erfahrungen vollschreiben. Erstens haben die Drogen den interessanten Nebeneffekt, dass man sich wie ein außergesellschaftlich agierender Individualist fühlt. Als einer von sicherlich 10.000 außergesellschaftlich agierenden Individualisten in Berlin, die alle zufällig zeitgleich in genau denselben Läden genau dasselbe machen. Das muss natürlich für die Nachwelt festgehalten werden. Zweitens ist der Platz im Internet unlimitiert.
Es ist andererseits sehr problematisch, wenn Verleger und Feuilleton immer wieder reflexartig auf die Kombination junger, authentischer Autor + drastische Sprache anspringen. Man benötigt 2,3 Kilowattstunden Energie, um ein Kilo Papier herzustellen. Über die weitere Fertigung und Lieferung von Druckerzeugnissen wollen wir gar nicht reden. Es ist also umweltschädigend, weiterhin Bücher und Artikel zu einem Thema zu publizieren, das nach außen zwar interessant wirken mag, nach innen aber öde ist. Dieses Thema muss also transparent gemacht werden, um solche Fehler in Zukunft zu vermeiden.
Mein Vorschlag wäre ein vierwöchiger Zwangsberlinaufenthalt mit allen Schikanen für sämtliche Feuilletonredakteure und Lektoren. Es wird nicht anders gehen. Man muss im Sinne des Umweltschutzes kleine Plastiktüten randvoll mit Ketamin, Speed und Ecstasy an Suhrkamp-Granden und Spiegel-Autoren ausgeben. Tunlichst sollte auch Frank Schirrmacher mit bedacht werden, um “Berlin - Wie wir aus einem modernen Gomorrha regiert werden” zu verhindern. Die Clubs werden kurzfristig ihre Türpolitik lockern und DJs werden sich auf abstruse Wünsche einstellen müssen (Tocotronic, Bruckner). Ab und zu muss ein jeder Opfer bringen. In kleinen Zimmern sollen die Teilnehmer jeweils zu zweit auf engen Doppelmatratzen untergebracht werden, um sexuelle Ausschweifungen heraufzubeschwören. Journalisten in festen Beziehungen? Kein Problem, so lernen sie auch noch das urberliner Gefühl der Schuld kennen.
Nach vier Wochen werden sie froh sein, wenn nicht mehr am Freitag abend das Taxi vorfährt, um sie ins Berghain oder Golden Gate zu transportieren. Sie werden zuhause in Reinbek sitzen und sich fragen, was sie in den letzten vier Wochen eigentlich gemacht haben. Die Antwort: Genau so viel, wie man darüber sinnvoller Weise auf Papier publizieren sollte. Nichts.

