Porkcamp: Ein Schwein wird geschlachtet
5:45 Uhr. Der Wecker hat vor nicht einmal einer Stunde geklingelt. Minus 14 Grad, die Eisplatten vor dem Landgut strahlen von unten Kälte ab. Kälte, die sich in die Hosenbeine hineinwindet, die Finger so nützlich wie mit Eis gefüllte Einweghandschuhe hinterlässt. Herrn Steinicke scheint das nichts anzuhaben. Landmensch, Handwerksberuf, der kennt die Uhrzeit und die Temperatur. Wir hingegen: Städter, sieben Stück, Angestellte, die von Softwareentwicklung bis hin zu Marktforschung für Joghurts all das können, was hier draußen nur selten benötigt wird. Aber deswegen sind wir ja hier: Herr Steinicke zeigt uns heute, wie man Schweine schlachtet.
Haarnetz, Schuhüberzieher aus Mülltütenplastik, ein halb durchsichtiger Kleidungsüberwurf. Jetzt sehen wir aus wie Städter, die sich als Molekularbiologen verkleidet haben. Gut Hesterberg ist ein kleiner Betrieb, nur sieben eigene Läden werden mit dem hier hergestellten Sortiment beliefert. Wir gehen von vorne durch den Schlachtbetrieb: Hier hängen noch die Mettwürste im Rauch, eine Tür weiter hört man schon ein leises Grunzen.
Die Schweine stehen zu zweit in einem kleinen Verschlag, „dit mögen die lieber, Herdentiere, vahstense?“. Sie werden schon am Vortag angeliefert, damit sie sich akklimatisieren können. Eine Duroc-Kreuzung aus einem Betrieb ganz in der Nähe, sie sind schwarz gefleckt und haben längere blonde Borsten. Ein Schlachter spritzt sie mit dem Schlauch ab: „Dit mach ma wegen den Strom, leitet besser.“ Dann nimmt er die große Metallzange, setzt sie schnell und ohne das Schwein schieben oder drängeln zu müssen an seinen Kopf an. Die Sau fällt sofort und lautlos um. Noch bemerkenswerter: Das zweite Schwein steht völlig entspannt daneben, grunzt und sucht mit der Schnauze auf dem Boden nach nicht vorhandenem Futter. Schnell wird das betäubte Schwein an einem Fuß mit einer Kette in die Luft und über den Verschlag gezogen. Jetzt kommt das Messer zum Einsatz: Einige Klingen ineinander verwoben über einem Metallteller mit rundem Griff: Zwanzig Zentimeter Tötungswerkzeug.
Der Schlachter sticht in das Brustbein des Tieres und sofort fließt Blut, vom Herzen schwallweise aus dem Tier gepumpt. Zu keinem Zeitpunkt habe ich das Gefühl, dass das Tier auch nur im Ansatz mitbekommt, dass es soeben stirbt. Ein Röcheln, ein Zucken des Beins, der langsam versiegende Blutfluß: Das zweite Schwein scheint sich für diesen Vorgang nicht mehr zu interessieren. Futter, das wäre interessant.

Das soeben geschlachtete Schwein wird jetzt an seiner Kette in die Entborstungswanne gehoben. Während bei 68 Grad die borstige Haut zu glänzender Schwarte wird, schaue ich noch einmal zum Artgenossen des Tieres herüber, das auch für mich immer mehr zu Fleisch wird. Die zweite Sau ist nach wie vor völlig unbeeindruckt. In zwanzig Minuten wird eine zweite Gruppe von Städtern vor seinem Verschlag stehen. Aber davon weiß es nichts. Und das macht Schweinefleisch aus artgerechter Schachtung für mich seit Samstag einfacher zu essen als davor. Apropos Essen: Gekocht haben wir dann natürlich auch. Ein andermal mehr zu Porkcamp, einem der schönsten Wochenenden meines Lebens.
Foto: Valentin Heyde

