Streets is talking
Mit Regionalküchen verhält es sich wie folgt: Je größer die Distanz des Essenden zur Ausgangsregion, umso hilfreicher ist es, wenn der Ursprungsort eines Gerichts einen hohen, postiv belegten Bekanntheitsgrad hat. Deswegen gibt es keine Utah Rolls und keine Braunauer Klopse in den meisten Restaurants.
Nun mag das in diesen beiden Fällen kein Verlust sein. Ich empfinde es aber als sehr unglücklich, dass gastronomisch wundervolle Regionen wie Franken es so schwer haben: “Do you remember Henry Kissinger? Or Greuther Fürth? They play in Germany’s second division and… Oh, fuck it, here’s your Wiener Schnitzel.”
In China scheint dieses unglückliche Los auf Hunan zu fallen. Heimatlandstrich von Chairman Mao (siehe Braunauer Klopse) und sonst: nichts. Wenn es nicht vor Jahren ein winziges Restaurant in Neukölln namens “Tangs kleiner Laden” gegeben hätte, in dem einer der beiden Köche richtig gute Hunaneser Hausmannskost auf die Tageskarte zu schreiben pflegte, dann hätte auch ich nie etwas von der Provinz zwischen Nan Ling und der Seenplatte vor Hubei gehört. Die Mischung aus aromatisch, deftig und tiefwürzig vieler Gerichte der Gegend sollte eigentlich ausreichend sein, das zu ändern. Jetzt liegt Tangs Kantine in Kreuzberg und sie kochen “Echte Shanghai-Küche”. Q.E.D.
Da ich also nicht davon ausgehe, in den nächsten Jahren noch einen Hunan-Chinesen zu finden, erarbeite ich mir das Thema Stück für Stück selbst. Mein geliebtes Auberginenschwein ist mittlerweile in einem Zustand, der kommunizierbar ist. Für vier Personen.
Zwei Auberginen in 1cm-Scheiben schneiden, großzügig salzen und auf ein Sieb geben. Eine Stunde stehen lassen. Drei mittlere Zwiebeln in feine Ringe schneiden, zusammen mit zwei kleingehackten Knoblauchzehen und einem ebenfalls fein geschnittenen, daumengroßen Stück Ingwer in Erdnussöl anschwitzen und dann bei ganz leichter Hitze schmelzen lassen, gute zwanzig Minuten. 500 Gramm Schweinehack VOM METZGER in Erdnussöl bei starker Hitze braten. Währenddessen einen Esslöffel Szechuan-Chili-Bohnen-Paste zu den Zwiebeln geben, ich vertraue hier auf die Chengdu-Wangfeng-Foodstuff Corporation. Das Hack ebenfalls zu den Zwiebeln geben, die Pfanne auswischen und mit neuem Öl wieder erhitzen. Jetzt die ausgedrückten Auberginen braten, bis sie schön Farbe genommen haben. Ebenfalls zu Hack und Zwiebeln geben.
Alles mit zwei EL dunkler Sojasauce und einer Tasse Kalbsfond ablöschen. Einige Minuten sanft einkochen lassen und wenn vonnöten mit etwas Maisstärke abbinden. Mit wenig Sesamöl, einer entkernten und feingehackten Chili, einem EL frisch gemörsertem Szechuanpfeffer und wenn nötig Salz abschmecken. Mit Reis und dem Bewusstsein, tief im kulinarischen Underground zu agieren, servieren.
Hallo Tumblr,
Du bist die höfliche Software hinter diesem Blog. Du bist die endlose Pipeline von Bildern, die Tom Selleck mit belegten Brötchen unter Wasserfällen zeigen. Oder Keanu Reeves. Den traurigen Keanu Reeves. Du kostest mich keinen Cent und bringst mir Freude, Freunde und frische Brötchen. Okay, Du würdest mir frische Brötchen bringen, wenn Software das könnte. Also: Dankesehr, Tumblr. Wenn Du auch Tumblr benutzt und in Hamburg und Umgebung wohnst, dann komm doch einfach am 9. September 2010 um 19:30 ins betahaus Hamburg. Wir hängen mit unserer Lieblingssoftware rum und sind cool. Wenn Du eine Getränkefirma Dein eigen nennst: Sponsore die Veranstaltung doch! Alles in allem wird es wohl sehr nett. Kommst Du auch?
EDIT 23/07: Man kann sich jetzt auch in der offiziellen Tumblr-Meetup-Liste für den Abend eintragen. Macht das doch, dann kann ich die Veranstaltung besser vorbereiten:
Am 1. Juli 1984 bin ich mit meiner Familie in das oberbayerische Dorf Hohenbrunn gezogen. Die ersten sieben Jahre meines Lebens hatte ich in Essen-Rüttenscheid verbracht, ein guter Ruhrgebietsjunge, der Fahrradfahren auf einem Gefängnishof lernt, fünf Hustenarten unterschiedlicher Bronchialerkrankungen und 20 Modelle von billigen Gebrauchtwagen kennt.
Und jetzt: Land. Ich fand alles daran schlecht. Ich fand alles daran so schlecht, dass ich bis heute nur in äußerster Not in diese Gegend fahre. Wenn ich durchs polnische Kattowitz fahre denke ich lächelnd „Hier sind wir doch 1990 fast nach Deutschland zurückgeschickt worden, weil mein Vater mit einem ungültigen Pass zu reisen pflegte. Und gestunken hat das. Ahh, süßer Vogel Jugend.“ Wenn ich durch Oberbayern fahre, denke ich mir „Ich möchte alte Makrelen unter die Eternit-Panelen der Häuser schieben, in denen ihr die nachträglich eingebauten Terrakottafliesen schrubbt, als sei es euer Lebenszweck. Süßer Vogel Napalm.“
Seit 1994 habe ich wieder in Großstädten gelebt. In Hoxton haben die Nachbarskinder versucht, meinem Mitbewohner die Reifen vom Wagen zu stehlen, während das Haus neben uns abbrannte. In Kreuzberg gab es ein Nachbarschafts-Plenum, wenn die Schatten der neuen Pfeiler in der Einfahrt ein bisschen zu sehr wie Penisse aussahen. Als ich in Neukölln zum ersten Mal Vater wurde, habe ich gemerkt, dass mich die Penner vor dem Lidl gegenüber zu stören begannen, wenn sie nachts herumschrieen. Als wir nach Hamburg zogen, merkte ich, wie die Rauchschwaden ausstoßende Mutter der kleinen Kinder unter uns mich deprimierte. Ich merkte, wie ich einmal im Jahr auf ein Popkonzert, einmal in eine Photoausstellung, vier Mal essen und drei Mal ernsthafter Bier trinken gehe. Ich merkte, dass Hamburg wie Madonna ist: Eine Dame mittleren Alters, die es sich leisten kann, junge Talente einzukaufen, um sich einen neuen Look oder Klang zu verpassen, die aber trotzdem eine Dame mittleren Alters ist. Und dass meine Tochter Emmi am glücklichsten ist, wenn sie einfach durch die Gegend rennen kann und dabei „Laufi! Laufi!“ brüllt.
Seit dem ersten Juli 2010 wohnt unsere Familie in einem Haus am Waldrand in Horneburg an der Niederelbe. Wir liegen abends auf dem Sofa und sehen in den Wald, spielen im Garten, der Nachbar baut am kommenden Wochenende einen Zaun mit mir und unsere Milch kaufen wir beim Bauern. Wie ich das jetzt zu einem konsequenten Bogen zusammenführen soll? Fuck knows. Kommt doch einfach mal zum Grillen vorbei.
Chop, chop, choppedichop.
(via rejectednewyorkercartoons)
Ich glaube, als Begleiter von zwei Schwangerschaften mittlerweile einen Überblick darüber zu haben, was genau in den letzten sechs Wochen noch leicht fällt: Nichts. In weiser Voraussicht haben wir deswegen in genau diesen Zeitraum den Umzug unserer Familie gelegt. Die Alternative, nur informationshalber, hätte darin bestanden, noch ein weiteres halbes Jahr über einem Seniorenpaar zu wohnen, dessen männlicher Teil keine Schwierigkeiten darin sieht, mit anwaltlicher Hilfe meine hochschwangere Frau nötigen zu wollen, den Kinderwagen nicht im Flur stehen zu lassen. Mit einem zwanzig Monate alten Kind und dem Planeten Pluto in der Magengegend ist es unproblematisch, jedes Mal alles in den Keller zu tragen. Die Seniorengattin beherrscht leider nur ein deutsches Wort, deswegen konnte ich sie noch nicht näher kennenlernen. Das Wort ist “Nazi”.
Behindert mich diese Offenbarung nicht eventuell darin, einen Nachmieter für die aktuelle Wohnung zu finden? Well, fuck that. Wir haben bereits zehn Kandidaten mitsamt Papieren an die Saga GWG weitergeleitet, die allerdings gedenkt die Wohnung nicht weiterzuvermieten, wenn wir nicht alle Bauschäden in Hamburg seit 1983 beseitigen. Als wir im letzten Jahr hier einzogen, haben wir einen Mietvertrag über eine renovierte Wohnung unterschrieben. Zwei Wochen vor Einzug wurde uns mitgeteilt, die Wohnung sei nicht fertig, wir könnten gerne einen Monat später einziehen. Das wäre - einen Monat Obdachlosigkeit in einer unbekannten Stadt mal außen vor gelassen - kein Problem gewesen, und so sind wir mit einem Vertrag über eine renovierte Wohnung in eine unrenovierte Wohnung eingezogen. Weil die Saga GWG aber ihre Mitarbeiter primär im Notfallzentrum für Amnesie rekrutiert, haben wir jetzt ein Problem. Wochen vor der Geburt meiner zweiten Tochter, 12 Tage vor unserem Umzug.
Oh, und 12 Tage vor der Eröffnung des Betahaus Hamburg, eines wunderbaren Coworking Space im Schanzenviertel, an dessen Entstehung ich intensiv mitgewirkt habe. Die Eröffnung dieses großartigen Projekts werde ich mit einem Ortstermin der Saga GWG in unserer alten Wohnung feiern. Vielleicht gehe ich noch ein letztes Mal ins Bad und trinke dort einen Jägermeister.
Oh, ich habe übrigens auch noch einen richtigen Beruf. Überraschenderweise bin ich nicht Schlafhöhlentester bei Hagenbecks. Er ist sehr schön, und ich übe ihn gerne aus, aber die möglichen zeitlichen Konflikte dürften sich erschließen.
Nein, ein Blog ist kein Kotzeimer. Aber das Bad war gerade besetzt. Excusez moi.
The beauty of butter. via aspicandotherdelights: Butter It Up! (by glen.h)
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Ich kannte einmal einen jungen Mann. Er lebte wild, frei und gefährlich. Besonders wild, frei und gefährlich war es, wenn er sich mit seinen Freunden in mitteldeutschen Kleinstädten traf, um in Vampirkostümen nachts durch die Straßen zu laufen. Weil sie dann nämlich Vampire waren. Wild, frei und gefährlich. Die Vampire hatten ein Reglement für ihr Rollenspiel, um festzulegen, wer wann was und wie machen durfte. Sie hatten einen Koordinator, um festzulegen, wo und wann sie sich treffen wollten. Sie hatten einen wilden, freien und gefährlichen Kassenwart. Diese Samtumhänge nähen sich nicht von selbst. Es lässt sich hervorragend als Überleitung nutzen, dass dieser junge Mann mit seiner Mutter gemeinsam eine Agentur für politische Kabarettisten betrieb.
Die Piratenpartei hat also eine zehnstündige Wahlprozedur durchschritten, um festzustellen, dass sie sich am besten von fast noch jungen Männern in Technologieberufen vertreten sieht. Das war das letzte, was ich von ihr hörte. Davor gab es folgende Geschichten: Menschen innerhalb und außerhalb der Piratenpartei diskutieren darüber, ob Piratenpartei ein guter Name für die Piratenpartei ist. Es wird über mehrere Menschen diskutiert, die in Gremien der Piratenpartei sitzen und fürchterliche Sachen sagen. Es geht hauptsächlich darum, ob diese Menschen in den Gremien oder der Partei verbleiben dürfen. Ein Mann in Bremen schreibt in einer Pressemitteilung der Piratenpartei Bosheiten über einen Mann in Berlin. Es geht darum, ob der Mann in Bremen für die ganze Piratenpartei sprechen darf. Eine Frau betreibt eine Mailingliste für Frauen in der Piratenpartei. Es wird diskutiert, ob es gut oder schlecht ist, dass es in der Piratenpartei eine Mailingliste gibt, die sich nicht an alle Mitglieder wendet.
Die Piratenpartei, um es kurz zu machen, ergeht sich in endlosen Strukturfragen. Im Rahmen der nordrhein-westfälischen Landtagswahl, war in Bezug auf Die Linke zu hören, der Parlamentarismus verändere die Parteien mehr als umgekehrt. Davor habe man sich als Linke zu hüten. Sie verstehen schon, man werde sonst genötigt, pragmatische Sachpolitik zu machen. Offensichtlich braucht man nicht einmal eine Machtoption, damit diese Mechanismen greifen.
Die repräsentative Demokratie hat lange Zeit wichtige Probleme gelöst: Es war schlicht nicht möglich, alle Interessierten an einer inhaltlichen Debatte in diese mit einzubeziehen. Räumlich, zeitlich, logistisch. Deswegen wurden Parteien gebildet, die große Strömungen in der Gesellschaft widerzuspiegeln suchten. Innerhalb dieser Parteien wurden teils informelle Gefüge geschaffen, um regionalen, inhaltlichen, oder Gender-Proporz zu wahren. Und diese Parteien bilden in den Parlamenten Ausschüsse, damit diejenigen Mitglieder, die sich einzelner Themen annehmen, mit ihren Counterparts anderer Parteien über ihre Spezialthemen sprechen können. Darum schwirren Lobbyisten, die Interessengruppen repräsentieren. Lange Zeit war dieses System alternativlos. Jetzt fehlen ihm seine Grundlagen.
Clay Shirky hat seinem Buch Here Comes Everybody den Untertitel The Power Of Organizing Without Organizations gegeben. Im Prinzip beschreibt Shirky eines der großen Wunder des Internets: Menschen haben die Möglichkeit, sich direkt und ohne hierarchisch gegliederte Umwege miteinander auszutauschen, gemeinsame Ziele zu definieren und sie umzusetzen. Und dann? Gehen sie einfach wieder nach Hause und überlegen sich etwas Neues. Die zur Verfügung stehenden Technologien geben uns die Macht in die Hand, unsere Interessen selbst zu repräsentieren.
Das bringt Parteien in eine Legitimationskrise, die sich auch in Zahlen ausdrückt: 59,3% Wahlbeteiligung in Nordrhein-Westfalen. Bald kann es die Norm sein, dass weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten an Abstimmungen teilnimmt. Ich glaube, dass es durchaus Sinn macht, wählen zu gehen, solange durch Wahlen direkte sachpolitische Entscheidungen ausgelöst werden. Aber die Notwendigkeit eines Neudenkens etablierter Strukturen wird dadurch nicht entfernt.
Eigentlich hätte die Piratenpartei ein konkreter Gegenentwurf sein müssen: Ein Haufen lose verbundener Menschen, die sich für einzelne Prozesse im gesellschaftlichen Paradigmenwechsel Dinge ausdenkt und diese ausprobiert. Die Menschen hinter der Partei müssen um die Möglichkeiten der losen, niedrigschwelligen Beteiligung wissen, die das Internet bietet. Ich hoffe es zumindest, ansonsten machen sie sich für etwas stark, was sie selbst nicht verstanden haben. Sie hätten keine Telefonzentrale gebraucht und keinen Schatzmeister, ja nicht einmal einen Namen.
Es wird kaum nachvollziehbar sein, ob die Petition gegen das Zugangserschwerungsgesetz dafür mitverantwortlich war, dass dieses Gesetz nicht umgesetzt wird. Zumindest aber hat sie allen Interessierten die Möglichkeit gegeben, sich detailliert über die Sachlage zu informieren und zu erkennen, dass viele Menschen eine bestimmte Sicht auf das Thema, die im parlamentarischen Diskurs kaum vorkam, unterstützen. Man kann es den größten inhaltlichen Erfolg um digitale Belange in der Gesellschaft nennen. Er wurde von einer parteilosen Neunundzwanzigjährigen initiiert, von einer bunten Melange an Menschen unterstützt und so weit in das politische System getragen, wie es dieses eben zulässt. Und weit darüber hinaus, was vermutlich viel wichtiger ist.
Aber die Piratenpartei wollte ja eine richtige Partei sein. Mit all dem Kaninchenzüchterpomp, den längst überfällige, überalterte Strukturen so mit sich bringen. Jetzt können sie die Probleme, die sie einmal angehen wollen, nicht einmal mehr auf ihren Parteitagen formulieren. Weil die Strukturen, die nichtexistente Probleme lösen, zuviel Zeit in Anspruch nehmen. Wild, frei und gefährlich.